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Wer ist Ihr Lieblingsmensch?

Wir wollten hören, welche Beziehungen, die nicht romantisch sind, Ihr Leben prägen. Lesen Sie hier immer mittwochs und samstags eine Auswahl der berührendsten Geschichten.

Mirja Gabathuler, Tina Huber
Aktualisiert am 27. Juni 2022

Rolf, 79 Jahre

Die kaputte Perlenkette

« Es war an einem Dienstag, Ende August 1996, an der Eröffnungsfeier des damaligen Congress Centers Metalli Zug des Parkhotel Zug. Ein ausgezeichnetes Buffet wartete auf die vielen geladenen Gäste und junge Musikerinnen und Musiker sorgten für ein paar unterhaltsame Stunden. Auf diesen Programmpunkt wurde ich erst aufmerksam, als ein Opernsänger singend die grosse Treppe hinunterschritt und das Publikum sich um den Flügel versammelte, wo ich mir noch einen letzten Stuhl ergattern konnte.

In meiner Nähe stand eine elegante Dame um die vierzig und wippte im Takt der Musik mit den Füssen. Sie gefiel mir auf dem ersten Blick und ich bot ihr meinen Stuhl an. Wir kamen ins Gespräch und sie übernahm meinen Platz. Nachdem die Musikeinlage fertig war, stellten wir uns gegenseitig vor. Sie war Gina und ich Rolf. Wir waren beide frei, in keiner Beziehung.

Als sich die Gesellschaft auflöste, dislozierten wir in die Parkhotel-Bar vis-à-vis, tranken einen Kaffee und ein Mineralwasser und unterhielten uns angeregt über unsere Hobbys und was uns gerade so in den Sinn kam. Wir rauchten beide Zigaretten, vielleicht ein wenig zu viel. Stolz zeigte mir Gina ihre blaue Lapislazuli-Kette, die sie an diesem Abend trug. Ich zog daran, ein wenig zu stark, und schon kullerten die blauen Perlen über den Boden der Bar. Die vielen Gäste halfen uns beim Einsammeln der Perlen.

Sie war sehr kühl am Telefon. Meine Visitenkarte hatte sie noch am ersten Abend zerrissen.

Für einen Moment war unsere Stimmung im Keller. Es war auch schon 2 Uhr und wir mussten beide am nächsten Tag arbeiten. Draussen regnete es in Strömen. Da keine Busse mehr fuhren und alle Taxis unterwegs waren, bot ich Gina an, sie nach Hause zu fahren. Ich wohnte gleich in der Nähe und musste bloss den Autoschlüssel holen. Gut beschirmt kamen wir bei mir an und ich bat Gina, schnell in die Wohnung hochzukommen. Dort hingen an den Garderobenhaken die Kleider von mir – und von meinen Kindern. Nachdem ich sie zu ihrem Wohnort gefahren hatte, verabschiedeten wir uns und ich gab ihr meine Visitenkarte.

Nach kurzem Schlaf fuhr ich am nächsten Morgen zur Arbeit. Am Mittag war ich durch und nahm mir den Rest des Tages frei. Immer musste ich an den schönen Abend denken. Schliesslich getraute ich mich und rief bei Gina an. Sie war sehr kühl am Telefon. Meine Visitenkarte hatte sie noch am ersten Abend zerrissen und sich gefragt, was ich wohl von ihr denken würde. Niemals hätte sie zuerst mit mir Kontakt aufgenommen, das wäre absolut nicht ihr Stil gewesen. Ein anderer Grund für ihren Unmut waren die vielen Kinderkleider im Gang meiner Wohnung. Doch das alles war schnell aufgeklärt. Wir hatten uns gefunden und ab diesem Zeitpunkt gab es uns nur noch im Doppelpack – 24 glückliche Jahre lang.

Im Sommer 2016 verbrachten wir Ferien in Aruba. Gina wurde am Strand durch eine grosse Welle eingedeckt und brach sich dabei ein paar Rippen. Zurück in der Schweiz wurde bei ihr während einer Kontrolluntersuchung fortgeschrittener Brustkrebs diagnostiziert. Sie konnte alle Untersuchungen ambulant über sich ergehen lassen. Erst im Februar 2020, zu Beginn der ersten Corona-Welle, kam sie zum ersten Mal stationär ins Spital. Sie starb am 23. März 2020, kurz vor ihrem siebzigsten Geburtstag, an den Folgen des Tumors.

Wegen der Beschränkungen aufgrund der Pandemie habe ich alleine an der Bestattung teilgenommen. Absichtlich wählte ich den 1. April 2020 dafür, da ja eh niemand glauben würde, dass Gina, diese herzliche, starke, absolut einzigartige, selbstbewusste und positive Frau, nicht mehr am Leben ist. Noch heute fällt jede und jeder aus allen Wolken, wenn sie oder er die Nachricht vom Tod der geliebten Gina zum ersten Mal hört. »

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Die nächste Kennenlerngeschichte lesen Sie am kommenden Samstag.
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