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So gefährlich ist das neue Coronavirus im Vergleich
Sars-CoV-2 ist ansteckender und tödlicher als eine normale Grippe. Aber es gibt auch deutlich schlimmere Krankheiten.

Quelle: WHO, verschiedene Studien, National Health Commission of China

Die Lage ist ernst:: Die Weltgesundheitsorganisation WHO hat die Ausbreitung des neuartigen Coronavirus als Pandemie eingestuft. Doch wie gefährlich ist das Virus im Vergleich zu anderen Krankheiten? Wie stark wird es sich noch vermehren? Um diese Fragen zu beantworten, müssen zwei Faktoren berücksichtigt werden: die Ansteckungsgefahr und die Sterblichkeitsrate. Erstere wird durch den sogenannten R0-Wert bestimmt. Er besagt, wie viele ­weitere Menschen ein einzelner Infizierter ansteckt.

Der R0-Wert

Jedes Virus hat einen anderen R0-Wert (R-Null-Wert), auch Basisreproduktionszahl genannt. Er zeigt an, wie viele Menschen ein einzelner ­Erkrankter in einer Gesellschaft anstecken kann, in der niemand gegen den Erreger immun ist. Beim R0-Wert handelt es sich um einen Durchschnittswert. Manche Personen sind ansteckender als andere. Ein Wert von 2 bedeutet grundsätzlich, dass jeder Erkrankte das Virus an zwei andere Menschen weitergibt. Es kann aber auch sein, dass ein sogenannter «super-spreader» 100 Menschen ansteckt und die restlichen 49 Erkrankten gar niemanden.

Die WHO schätzte den R0-Wert beim neuen Coronavirus in einer ersten Prognose auf 1,4 bis 2,5. Wissenschaftler des Imperial College London kamen auf 2,6, ein amerikanisch-britisches Team auf 3,11 und Forscher der University of Hongkong sogar auf 3,3 bis 5,47.

Die Schätzungen reichen also von 1,4 bis 5,47. Der R0-Wert ist nicht einfach zu berechnen, speziell in einer frühen Phase einer Epidemie. Wahrscheinlich ist aber, dass er etwa bei 2,2 liegt, wie es der Schweizer Epidemiologe Christian Althaus der Universität Bern vermutet. Seine Studie deckt sich mit den Resultaten zweier Erhebungen aus China, die im Januar und Ende Februar veröffentlicht wurden. Damit wäre das neue Coronavirus (Sars-CoV-2) etwa gleich ansteckend wie Sars oder die Spanische Grippe vor hundert Jahren – und deutlich ansteckender als die saisonale Grippe mit einem R0-Wert von 1,3 bis 2.

 
Ansteckungsgefahr bei Infektionskrankheiten
R0-Wert: So viele Menschen steckt ein einzelner Erkrankter an.
Quelle: WHO, verschiedene Studien, National Health Commission of China
 

Der R0-Wert ist eine der wichtigsten Kennziffern bei der Seuchenbekämpfung, weil er den Behörden Informationen liefert, wie sie auf den Ausbruch eines Virus reagieren sollen. Ist er höher als 1, verbreitet sich eine Infektion weiter, ist er kleiner als 1, verschwindet die Krankheit langsam. Da der Wert beim neuen Coronavirus grösser ist, breitet es sich momentan weltweit aus. Inzwischen haben schon mehr als hundert Länder Fälle gemeldet.

Wichtig zu wissen ist: Der R0-Wert beschreibt die potenzielle Ansteckungsgefahr. Wie viele Menschen sich tatsächlich anstecken, ist von den Umständen abhängig und kann von Region zu Region unterschiedlich sein. Deshalb wird der Wert meist mit einer Spannweite angegeben. Es ist entscheidend, wie eng Menschen zusammenleben, wie anfällig eine Bevölkerungsgruppe auf eine bestimmte Krankheit ist und wie gut das Gesundheitssystem funktioniert.

So ist Sars-CoV-2 potenziell ansteckender als Influenza, das die saisonale Grippe verursacht. Am neuen Coronavirus sind aber bislang gut 114’000 Menschen erkrankt, während es bei der Grippe jährlich Millionen sind. Das ist nur möglich, weil die Behörden schnell reagiert haben, etwa mit Quarantänen und Kontrollen an Flughäfen. Bei der normalen Grippe werden weniger Massnahmen getroffen, sie hat sich inzwischen auf der ganzen Welt festgesetzt – was man bei Sars-CoV-2 genau verhindern will.

«Ich weiss von keinem Ausbruch in den letzten 100 Jahren, der sich so schnell so weit ausgebreitet hat.»
Jeremy Farrar, Infektionsmediziner

Eindämmen konnte man das Virus bisher aber nicht – im Gegenteil: «Was wir gerade sehen, ist beispiellos. Ich weiss von keinem Ausbruch in den letzten 100 Jahren, der sich so schnell so weit ausgebreitet hat», sagte der bekannte britische Infektionsmediziner Jeremy Farrar. Die grösste Sorge der WHO ist, dass das Virus in Länder mit schwächerem Gesundheitssystem gelangt, die nicht die Kapazitäten zur Eindämmung einer Epidemie haben.

Immerhin scheint Sars-CoV-2 die Menschen nicht ganz so krank zu machen wie Sars, bei dem es sich ebenfalls um ein Coronavirus handelte und das vor 17 Jahren bei fast 10 Prozent der Betroffenen tödlich verlief. Wegen Sars-CoV-2 sind bisher gut 4000 Menschen gestorben, das entspricht 3,5 Prozent der bestätigten Fälle von Infizierten. Zum Vergleich: Bei Influenza beträgt die Sterberate je nach Region und Saison 0,02 bis 0,3 Prozent.

Sterblichkeitsrate bei Infektionskrankheiten
Anteil der Infizierten, die an der Krankheit sterben
Quelle: WHO, verschiedene Studien, National Health Commission of China
 

Verschiedene Forscher gehen davon aus, dass die Dunkelziffer hoch ist, es neben bestätigten Fällen also auch noch viele gibt, von denen man nichts weiss. Das würde die Sterblichkeitsrate senken.Adam Kucharski, Mathematiker und Epidemiologe an der London School of Hygiene & Tropical Medicine, hat berechnet, dass die Rate bei Fällen mit Symptomen (Case Fatality Rate) 1,1 Prozent beträgt. Wenn man auch die Fälle ohne Symptome mit einbezieht (Infection Fatality Rate), sind es 0,5 Prozent. Der Schweizer Epidemologe Christian Althaus kommt auf einen leicht höheren Wert von 1,6 Prozent.

Klar bleibt auch mit diesen Zahlen: Die neue Krankheit mit dem Namen Covid-19 ist deutlich schwerer als eine saisonale Grippe und fünf- bis fünfzehnmal so gefährlich, was die Sterblichkeit betrifft. Besonders gefährdet sind Menschen mit Vorerkrankungen wie Bluthochdruck, Diabetes und Herz-Gefäss-Erkrankungen sowie grundsätzlich ältere Personen. Ab 65 Jahren steigt das Risiko für Komplikationen deutlich.

Der R0-Wert sagt nicht zwingend etwas über die Gefährlichkeit eines Virus aus. Die Masern zum Beispiel haben eine höhere Ansteckungsrate als das neue Coronavirus, aber in Industrieländern eine viel tiefere Sterblichkeit (weniger als 0,03 Prozent). In Entwicklungsländern kann diese um ein Vielfaches höher sein. Ebola ist deutlich weniger ansteckend als die Masern, das Fieber verläuft aber je nach Virusart und Region in 25 bis 90 Prozent aller Fälle tödlich.

Auch von der Spanischen Grippe ging im Vergleich zu den Masern eine relativ geringe Ansteckungsgefahr aus. Ihr R0-Wert war etwa gleich wie beim aktuellen Coronavirus. Trotzdem steckte sie in den Jahren 1918 bis 1920 bis zu einer halben Milliarde Menschen an, ein Drittel der damaligen Weltbevölkerung. Forscher vermuten, dass das Virus zuerst in Amerika auftrat, durch US-Soldaten im Ersten Weltkrieg nach Europa gelangte und sich von dort über den gesamten Globus ausbreitete. Durch winzige Tröpfchen beim Husten oder Niesen steckten sich die Menschen reihenweise an.

Viele Menschen litten damals bereits an anderen Krankheiten wie Tuberkulose. Zudem handelte es sich um einen aussergewöhnlich aggressiven Virustyp, der in mehreren Wellen innerhalb weniger Monate kam. Antibiotika, moderne Impfstoffe und Therapien gab es noch nicht. Die Spanische Grippe forderte gemäss unterschiedlichen Berechnungen weltweit 20, 50 oder sogar 100 Millionen Tote. Je nach Schätzung starben also bis zu 20 Prozent der Infizierten.

Quelle: WHO, verschiedene Studien, National Health Commission of China

Eine Besonderheit der Spanischen Grippe war, dass ihr vor allem 20- bis 40-jährige Menschen erlagen, während Influenzaviren sonst besonders Kinder und ältere Menschen gefährden. Pro Jahr gibt es weltweit bis zu 900 Millionen Influenzafälle, dabei sterben 200'000 bis 650'000 Personen. In der Schweiz verläuft die saisonale Grippe jedes Jahr für 300 bis 2500 Personen tödlich.

Das neue Coronavirus ist Stand jetzt weniger gefährlich für Kinder, dafür umso mehr für ältere Personen und solche mit Vorerkrankungen. Die Sterblichkeitsrate ist wie beschrieben fünf- bis fünfzehnmal so hoch wie bei der saisonalen Grippe. Sollte sich Sars-CoV-2 auch nur annähernd so stark auf der Welt ausbreiten wie Influenza, wäre das fatal.